Die Ich-Maschine
Neulich sass Tom an der Bar des Nirwana Palace Hotels, bestellte gerade einen Espresso und lauschte der diskret sphärischen Hintergrundmusik. „Was für ein Musikstil ist das eigentlich?“ – „Psychill, Musik zum Abhängen mit einem Schuss Nirwana halt“, sagte der Barkeeper mit einem müden Lächeln. Toms Blick schweifte rüber zur Rezeption, an die Schnittstelle zwischen dem Hotel und dem Gast (Wikipedia). Dort checkte gerade eine kleine Gruppe asiatischer Gäste ein. Es wurden Ausweise gezückt, Formulare ausgefüllt, Worte in englischer Sprache schwirrten durch den Raum, da ein Lächeln, dort ein Händedruck. Geschäftigkeit, die entspannt und doch effizient wirkte. Tom sah den Menschen zu und merkte, dass sich gerade etwas veränderte. Wie sollte er die Veränderung beschreiben? Die Szene entleerte ihr Blut. Figuren, hölzern und doch zugleich anmutig und geschmeidig genug, beschäftigten sich vor seinen Augen miteinander. Sie taten so, als könne etwas entwickelt werden. Doch Tom sah auf einmal, dass trotz offensichtlicher Bewegung, sich in Wirklichkeit gar nichts ereignete. Ein Knochenmarkfrösteln und entsprechend leicht besorgte Neugier packten ihn. Was ist hier los? Waren diese Figuren in der Hotellobby nun wirkliche Menschen oder Puppen? Lebten sie wirklich oder waren sie so etwas wie untote Exmenschen? Ihre Bewegungen waren mechanisch. Aber Tom, eine Bewegung eines Körpers ist doch immer Mechanik. Biomechanik. Tom sah die Moleküle nicht, nein, aber der Gedanke, dass alles, alles bloß Molekülgeschwader ist, erfasste ihn.
Tom fühlte sich zunehmend unwohl. In diesem Molekülgeschiebe existierte aber unzweifelhaft ein Bewusstsein. Toms Bewusstsein. Und als wäre es bisher nicht genug der Irritation, stellte sich dieses Bewusstsein alsogleich selbst in Frage. „Ich denke, also bin ich!“ murmelte Tom wie eine Beschwörung vor sich hin, als ob ihn das beruhigen könnte.
Er musste mit jemandem sprechen, dann würde der Spuk vorbeigehen. In seiner Nähe war niemand, abgesehen vom leicht gelangweilten Barkeeper, der Gläser zurechtrückte und hin und wieder auf die Uhr schaute. „Nicht viel los heute", hörte sich Tom sagen. Auch nicht gerade originell. Aber was Tom mehr irritierte: Er hörte sich diese paar Worte sagen, als wäre er nicht sich selber. Die Worte wurden gesprochen, offensichtlich, er hörte sie. Er spürte sogar, wie seine Lippen sich dazu bewegten – und doch war das Gefühl, dass dies sein Sprechen, seine Worte waren, einfach weg. Das Sprechen von „Nicht viel los heute“, wurde von außen und wie mit einer kleinen, aber störenden Verzögerung wahrgenommen. Es war wie Robotersprech. Wo bin ich denn, fragte sich Tom und merkte: auch das war die falsche Frage.
„Ich“ – das war nicht mehr.
Es ereignete sich alles irgendwie nur noch mechanisch, alles war schon bekannt, nichts Neues mehr. Gesten, Floskeln, Bewegungen – alles läuft ab wie nach einem Plan. Da sind nur noch einzelne Bewusstseinsmodule: Wahrnehmung, Gefühle, Sprachfetzen und sonstiges Denkzeug, fertig.
„In zwei Stunden, nach dem Nachtessen, kommen die Gäste an die Bar.“ Der Satz verhallte. Tom registrierte ihn erst eine halbe Minute später. Er nickte – und sein Selbstwahrnehmungsmodul wusste, dass er nickte und es fühlte sich verdammt fremd an, dass er jetzt nickte und ein Teil von ihm ihn dabei beobachtete; eigentlich nickte es, nicht Tom. Tom, was war das denn? Tatsächlich stellte er sich die Frage, was er war, und nicht etwa, wer er war. Diese erste Frage ist viel existenzieller. Die zweite Frage kann man leicht mit irgendwelchen biografischen Daten abfüllen – zur scheinbaren Normalisierung.
„Nehmen Sie noch einen...?“ – „Nein danke, ich zahle dann mal.“ Ops, da war es auf einmal wieder. Tom hatte sein „Ich“, fühlte sich als Lenker seiner Schritte, als Denker seiner Worte, wie immer. Hm, noch mal gut gegangen. Dachte schon, ich drehe hier ab. Ein merkwürdiger Gedanke blieb dennoch und würde ihn von nun an nicht mehr loslassen: Menschen sind wie Roboter. Wir sind Bioroboter, geformt und programmiert durch drei Milliarden Jahre Evolution plus der individuellen Lernerfahrung. Eine komplexe Maschine, die ein „Ich“ herzustellen vermag. Der Mensch - eine fast perfekte Ich-Maschine.
Grenzverletzungen
tom-ate - Mittwoch, 9. Februar 2011, 15:35


du? von einem "du" ist es zum "ich" nicht weit ...
Ja, vom Du zum Ich ist Es nicht weit...
man könnte auch sagen: wir sind auf "ich" programmiert, weil wir sonst kein leben hätten - nur marionettenhaft (oder sinnlos) funktionieren würden. dann wäre das "ich" beim marionettenspieler zu suchen. jedenfalls, wenn das ich insgesamt eine farce wäre, dann stellt sich mir immer noch die frage: wozu? ich glaube, dass existenz und "ich" miteinander verwoben sein müssen. wobei die ich-wahrnehmung des menschen unterschiedlich ist zu der der tiere und pflanzen, steine ... die ich-wahrnehmung ist allein schon unter den menschen recht unterschiedlich. das "ich" braucht inhalte, körper, abgrenzungen ...
es erscheint als die der entropie entgegengesetzte kraft.