Der heilige Dachschaden

„The Spiritual Brain...“, eine klinische Studie von Cosimo Urgesi et al. publiziert im Februar 2010, ist ein weiterer neurowissenschaftlicher Beitrag, der's mir irgendwie angetan hat...

88 Patienten mit Hirntumoren wurden während ihrer klinischen Behandlung auf ihre Spiritualität hin untersucht. Unterteilt wurden sie in vier Gruppen mit unterschiedlichen Tumoren, wobei die Gruppe mit Meningeomen als Kontrollbedingung diente, da diese Tumorart zwar die Hirnhaut aber nicht den informationsverarbeitenden Kortex befällt (Kontrolliert wird hiermit ein eben auszuschließender unspezifischer Effekt von Gehirntumoroperationen). Gemäß Fachliteratur konnten die Autoren davon ausgehen, dass spirituelles Erleben mit der Aktivierung grosser Netzwerke unter Beteilung präfrontaler, temporaler, parietaler und zingulärer Kortexregionen, sowie subkortikaler Strukturen korreliert. Ihre eigene Studie erfasst bei den Tumorpatienten die so genannte „Selbst-Transzendenz“ als Persönlichkeitsmerkmal, gemessen mit dem „Temperament and Character Inventory“ (TCI), was Standard in der entsprechenden Fachliteratur zu sein scheint. Gemäß Studiendesign können nun die Effekte verschiedener Tumorarten, vor allem aber verschiedener Hirnregionen und dank Prä-Post-Messungen auch die Effekte der operativen Entfernung der Tumore verglichen werden (bei dann allerdings rekordverdächtig kleinen Teilstichproben...).

Nun, um gleich zur Sache zu kommen, Urgesi et al. fanden signifikant stärker ausgeprägte „Selbst-Transzendenz“ bei Patienten mit „posterioren“ Tumoren verglichen mit den „anterior“ Geschädigten. Zudem fanden sie auch bei „posterioren“ Patienten nach der Tumorentfernung signifikant höhere „Selbst-Transzendenz“-Werte im Vergleich zur Messung vor der Tumorentfernung. Soweit die Fakten, die nach Tumorart aufgegliedert in der Studie zwar noch etwas differenzierter dargestellt werden. Doch wir können uns ohne wirklich etwas zu verpassen auf die geschilderten Haupteffekte beschränken. In der erwähnten Kontrollgruppe waren erwartungsgemäß keine lokalisatorischen Effekte aufgetreten. Ausgeschlossen sind auch, eben gerade durch die nachgewiesene lokalitätsspezifische Veränderung der „Selbst-Transzendenz“, unspezifische Effekte durch die bloße Diagnosestellung eines Hirntumors auf das Selbstkonzept.

In ihrer Interpretation gehen die Autoren nun davon aus, dass sowohl links- wie rechtshemisphärisch im posterioren Parietallappen eine entscheidende Komponente des spirituellen Netzwerks zu finden sei.

Lesions of the left posterior parietal cortex induce selective deficits in the representation of the spatial relationships between body segments (Felician and Romaigue` re, 2008). Disownership (Aglioti et al., 1996) and delusions regarding body parts (Halligan et al., 1995) occur after lesions centered on the right temporoparietal cortex. Furthermore, illusory localization of the self into the extrapersonal space has been reported in patients with left (heautoscopic phenomena) (Blanke et al., 2004; Brugger et al., 2006) and right temporoparietal damage (out-of-body experiences) (Blanke et al., 2004).

Diese Regionen würden folglich unter normalen Bedingungen die „Selbst-Transzendenz“ unterdrücken bzw. begrenzen, damit das Individuum ein stabiles Körper-Ich in seiner Welt empfindet und sich nicht in ozeanischer Selbstentgrenzung verliert. Im posterioren Parietallappen lokalisierte Hirntumore sowie die Entfernung dieser Tumore, was notwendig die zusätzliche Schädigung gesunden Gewebes in der Nachbarschaft des Tumors einschließt, würden nun die Hemmfunktion dieser Areale auf die „Selbst-Transzendenz“ vermindern, was den signifikanten Anstieg der „Selbst-Transzendenz“ unter diesen Bedingungen erkläre. Methodisch gäbe es bezüglich Erfassung der „Selbst-Transzendenz“ und der Interpretation der festgestellten Unterschiede noch zwei, drei kritische Fragezeichen anzumerken. Aber gehen wir nicht zu sehr ins Detail und nehmen einfach mal an, diese Ergebnisse und die Interpretation seien aussagekräftig im Sinne der Autoren.

Und dann haben wir den Salat. Religionsstifter, Propheten, etc. könnten gemäß einer schon lange populären Hypothese Temporallappen-Epileptiker gewesen sein. Käme nun hinzu, dass für religiöse Offenbarungen nicht nur Epilepsie sondern auch ein Hirntumor die Verantwortung übernehmen könnte. Zu allem Überfluss werden auch Studien zitiert, welche zeigen, dass die gemessene „Selbst-Transzendenz“ bei Schizophrenen und Persönlichkeitsgestörten erhöht ist...

Sind also spirituelle Erfahrungen nichts anderes als ein Epiphänomen infolge verschiedener Defekte in bestimmten Hirnarealen?

Spirituelle gleich Bekloppte?

Jein. Diese Befunde sind ja durchaus ernst zu nehmen. Denn unser Hirn und nicht ein mysteriöses „Selbst“ verarbeitet nun mal Information für uns, was Bewusstsein – sehr wahrscheinlich – doch erst möglich macht.

Das bewusste Erleben oder die Subjektivität der Welt – ob alltäglich-normal, verändert, erweitert, spirituell – ist eine immaterielle, emergente Erscheinung komplexer „psychologischer“ Prozesse, die mit einem bestimmten Muster von Hirnaktivität einhergehen. Diese subjektiven Prozesse sind auch die notwendige Ausgangsbasis jeder wissenschaftlichen Forschung. Ohne neugierige, motivierte Subjekte keine wissenschaftliche Ergebnisse aus „Dritter-Person-Perspektive“. Das bewusste Erleben kann gar nicht auf materielle Hirnfunktion allein reduziert werden, ohne dass wir konsequenterweise als „philosophische Zombies“ im Nichts rumlatschen würden. Hirnphysiologie ist nur im Prinzip – eine monistische Welt vorausgesetzt - mit dem subjektiven semantischen Raum identisch. Die Erste-Person-Perspektive und die Dritte-Person-Perspektive kann bis heute niemand plausibel und vollständig zur Deckung bringen.

Erhöhte „Selbst-Transzendenz“ als Erlebnis kann jedenfalls die subjektiv gegebene Welt bereichern, kann das Verhalten von Menschen im Rahmen religiöser Leitlinien (nicht mein Ding) oder einfach durch diesem Erlebnis folgende naturalistisch-ethische Begründung nachhaltig und auch positiv verändern.

Da dies nun aber mehr eine persönliche Erfahrung und Überzeugung ist (und somit hab ich wohl den "heiligen" Dachschaden auch für mich gebucht...), läuft sich hiermit das Thema tot.

Philosophisches
Falkin - 26. Apr, 21:37

lecker...

...vielen Dank für das Knabbergebäck zum Abend!

tom-ate - 27. Apr, 07:13

Gern geschehen! :-)
Köppnick - 2. Mai, 16:58

Da inzwischen die Hauptreligionen ihren Frieden sowohl mit dem Urknall als auch mit der Evolution gemacht haben, kommt man auch mit noch so vielen neuen Erkenntnissen nicht gegen ein neues Standardargument an: Wenn Er die Welt erschaffen hat und für unsere Erschaffung den Evolutionsmotor angeworfen, dann hat Er auch dafür gesorgt, dass in unserem Oberstübchen diejenigen Regionen entstanden sind und Prozesse ablaufen, mit denen wir Ihn erkennen können.

tom-ate - 2. Mai, 18:59

...hm, dass wir Ihn eben nicht erkennen können, hab ich hier zu zeigen versucht. Jede und jeder hat sich den passenden Schöpfer geschaffen - und nix erkannt...
nömix - 3. Mai, 10:09

»Die religiöse Manie gilt als die vorherrschende Form von Geisteskrankheit.«
schrieb Henry Coswell (1839)

tom-ate - 3. Mai, 10:47

So gerne ich aus Vernunftsgründen dieses Zitat als eine halbwegs brauchbare Aussage betrachten möchte, muss ich jedoch festhalten, dass sich damit gar kein gemütlicher Ankerplatz einrichten lässt.

Die Welt bleibt immer subjektiv, nur Subjekten erscheint eine Welt. Vor und nach dem Subjekt ist nichts.

Wissenschaft ist das Bemühen von Subjekten, diese Welterscheinungen auf einen Nenner zu bringen. Das wird fatalerweise häufig mit Objektivität, mit Realität verwechselt... Bestenfalls könnte intersubjektiver Diskurs eine tastende Annäherung an die Wirklichkeit bedeuten. Aber selbst dies bleibt letztlich fraglich.

Folglich lässt sich Wahn und Wahrnehmung nicht neutral, sachlich, objektiv unterscheiden. Wissenschaft stolpert von einer Falsifikation zur nächsten.

Und folglich bestimmt ganz einfach die Mehrheit bzw. die Norm was geisteskrank ist und was nicht. Ganz demokratisch.

Die Psychiater haben allerdings ein enormes Problem, wenn sie den intersubjektiv bzw. gesellschaftlich akzeptierten Gebrauch religiöser Konzepte und Überzeugungen von "religiösem Wahnerleben" abgrenzen wollen. Das funktioniert nicht, denn Offenbarungs-"wissen" kann irgendeine Form und irgendeinen Inhalt annehmen...

Bewusstsein hat keinen sicheren Ankerplatz. Und deshalb ist eine aufrichtige spirituelle Dimension - natürlich.

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na ja, objektiv - subjektiv,...
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