Dienstag, 21. Januar 2014

Eine Dichterlesung im Brooklyns

Sollen wir da rein gehen? fragte die kleine Frau ihren Begleiter, der das Plakat eben noch überflog. „Ein Thriller aus den Jahren 2047 bis 2051: Dr. Eva Lunds Bekenntnisse. Roman von Tom Ate. Dichterlesung im Brooklyns.“ Ein von Hand geschmierter Zettel auf dem Plakat, dessen Hintergrund ein überdimensionales menschliches Gehirn zierte, ergänzte: „Heute, 20 Uhr im blauen Saal.“ Er nickte, Gehirne interessierten ihn leidlich und der offensichtlichen Neugier seiner kleinen Frau wollte er nicht im Wege stehen.

Der Saal des Brooklyns war viertelvoll, beinahe dreißig Gäste hatten sich eingefunden, obwohl das Champions League Spiel der Borussia Dortmund lief. Licht war nur in der Mitte des Raums, so dass dieser sich an den Rändern im Dunkel aufzulösen schien. Vor den Stuhlreihen stand ein langer Tisch, an dem gut sieben Leute eine Podiumsdiskussion hätten abhalten können. Es war genau 20 Uhr, aber Tom war noch nicht da, das Podium leer.

Bea wurde unruhig. Die Lesung war ihre Idee. Sie hatte alles organisiert, hatte Tom dazu ermuntert und ihn angehalten, unbedingt genug Material für eine Stunde beisammen zu haben. Selbstredend war auch Presse da. Fürs Feuilleton der Qualitätspresse reichte es zwar nicht. Aber Heinz Neuwerth, Volontär der Bochumer Zeitung, würde seinen ersten Bericht überhaupt verfassen und in der Rubrik Lifestyle platzieren. Wie aufregend.

20.07 Uhr. ...Niemand auf dem Podium. Die Leute begannen sich umzusehen, zu tuscheln. Bea nagte auf der Unterlippe. Bob Macha war da, hockte tatsächlich auf einem dieser unbequemen Holzstühle, seinen face2buns vermissend. Sonst schien ihm alles egal zu sein. Er blickte so ausdruckslos aufs leere Podium wie Bill Murray ins volle Whiskyglas.

20.13 Uhr. Wann kommt denn der Dichter? fragte die kleine Frau ihren Begleiter immerhin so laut, dass fast die Hälfte der Leute es hören konnte. Und prompt sorgten Spiegelneurone in den Hirnen der Leute für mehr Unruhe. Füße scharrten, Kehlen räusperten sich, Blicke suchten, Stühle knarrten.

Und dann kam er. 20.17 Uhr. Aus dem Nichts ins Licht geschritten war Tom plötzlich da, seine losen Manuskriptblätter in der Hand. Er zitterte, so aufgeregt war er. Der Plan war unmöglich und er musste ihn sofort ändern. Er schmiss die Blätter auf den Tisch, setzte sich und begann:

Meine Damen und Herren, das Gehirn. Das Gehirn, einfach das Gehirn. Es ist Leitmotto unseres Abends, den ich das Vergnügen habe, mit Ihnen teilen zu dürfen. Seien Sie willkommen und sehen Sie sich vor. Es wird brutal werden. Ihr Hirn wird kochen. Vergessen Sie den Roman, vergessen Sie Eva Lund. Sie ist verschwunden, damals nach der legendären Hirnoperation. Nein, ich werde Ihnen nicht von einer schier endlosen Suche nach ihr berichten. Ich werde von uns hier und heute sprechen, von unseren Hirnen!

Doch zunächst möchte ich Ihnen zeigen, dass die Welt mit menschlichen Gehirnen keine Zukunftschancen haben kann. Sehen Sie. Tom sprang auf und rannte zum Flipchart rüber. Mit dickem schwarzem Filz malte er: Bevölkerungswachstum x Motivation x Technologische Entwicklung auf Basis der Ausbeutung fossiler Energieträger (= gespeicherte Sonnenenergie) x Zufälle = Logik der Zerstörung. Ich muss Ihnen das erklären. Natürlich. Sie alle wissen was Bevölkerungswachstum heißt. Tom blickte herausfordernd ins leicht unruhige Publikum. Die rhetorische Pause nutzte prompt jemand für den Zwischenruf: Wollen Sie uns hier irgend so ein politisches Gedöns verklickern? Ich will Unterhaltung, keine Politik, verdammt. – Sie werden gleich unterhalten, meine Damen und Herren. Ich will nur, dass wir uns nicht missverstehen, okay? Gehen wir zum nächsten Ausdruck: Motivation. Das hat nämlich immer jeder falsch verstanden, mit dem ich bisher gesprochen habe. UND GENAU DESHALB WILL ICH, DASS SIE DAS JETZT KAPIEREN. Nehmen Sie mal an, Sie seien bei allem was sie so tun und lassen von psychischen Rückkopplungen im Hirn abhängig, die Ihnen sagen, ob sie das, was Sie tun oder lassen, tun oder lassen sollen. Ein Subsystem das den Erfolg des Tuns und Lassens misst. Nicht kognitiv. Sie brauchen nichts zu denken. Verstehen Sie. Sie fühlen es nur. Sie fühlen es! Und was Sie fühlen, ist die Begleitmusik der ganzen unbewussten motivationalen Mechanik in Ihrem Gehirn, verstehen Sie? Wenn Sie neugierig auf etwas sind und deshalb irgendwo hin gehen, wo Ihnen Befriedigung gegeben werden könnte. Könnte. Ja, dann hat der Hirnstoffwechsel dafür gesorgt, dass ein Defizit in einem Regelkreis, also ein Fehlersignal, abgebaut worden ist. Ihr Hirnstoffwechsel ist dann wieder im Gleichgewicht. Homöostase nennt man das. Haben Sie sicher schon gehört. Wir tun alles nur für diese Homöostase. Wenn Sie das begreifen, meine Damen und Herren, dann brauchen Sie nie mehr einen Psychiater, nie mehr Antidepressiva. Nein. Sie begreifen dann, dass das Defizit, was sie fühlen, dieses Gefühl, nur ein Fehlersignal ist. Ihr Hirn bügelt das normalerweise aus. Und das fühlt sich dann gut an. Wir leben, um uns gut zu fühlen! Nicht um zu denken. Wir denken nur, um uns noch besser zu fühlen. Nur geht das meistens schief. Meine Damen und Herren. Denken ist Glückssache. Denken kann nicht schlauer als Neurotransmitter sein. Das müssen Sie mir glauben. Der Hirnstoffwechsel funktioniert seit hunderten von Millionen Jahren. Denken, haha, Denken, das ist ein ganz neues Werkzeug der Evolution. Noch völlig unreif. Muss durch die Selektionskräfte erst geschärft werden. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich sagen möchte!? – DU solltest erstmal Denken bevor du deine vorlaute Klappe öffnest, Tom. Das war Bob, mit steinernem Gesicht. Ein Raunen ging durch den Saal. Tom ignorierte Bob. Schauen Sie jetzt unsere Formel an. Die stetig wachsende Bevölkerung multipliziert mit den unbewussten Motivationen, den BEDÜRFNISSEN. Immer mehr wollen immer mehr. EINFACH WEIL SIE ES SO FÜHLEN. NICHT WEIL SIE DENKEN. DIE GEFÜHLE, DIE EVOLVIERTEN GEFÜHLE WOLLEN EWIGKEIT, WOLLEN MEHR, MEHR, MEHR. Und wer gibt ihnen mehr? Hä? Eine Ahnung? Schauen Sie sich die Gleichung an, verdammt! Die Technik. Wieder wird man einwenden, das ist das Denken. NEIN, TECHNIK IST KEIN DENKEN. TECHNIK IST EIN SELBSTLÄUFER DER EVOLUTION. DANK DEN FOSSILEN BRENNSTOFFEN, DIESEN RIESIGEN ENERGIERESERVEN, IST ES EIN LEICHTES, EIN GESELLSCHAFTLICHES SUBSYSTEM AUßER RAND UND BAND LAUFEN ZU LASSEN. TECHNIK VERSELBSTÄNDIGT SICH. ATOMKRAFT, ATOMBOMBE, WASSERSTOFFBOMBE. HIROSHIMA. FUKUSHIMA. ROBOTER, ANDROIDE. KÜNSTLICHE INTELLIGENZ. POSTBIOTISCHES BEWUSSTSEIN. Haben Sie eine Idee, was da auf uns alles zukommt? – Alles wird wieder gut! – Schon mal Ovid gelesen? Auch Maltus hat vor 200 Jahren nicht recht behalten! – Technischer Fortschritt, meine Damen und Herren, beruhigen Sie sich doch ein bisschen, technischer Fortschritt wird von den einen als Lösung der Probleme glorifiziert. – Noch nie ging es so vielen Menschen so gut und auf derartig hohem Niveau (HDI)! – Die Zwischenrufe wurden häufiger, lauter, gehässiger. Tom ignorierte sie. WISSEN SIE WAS DER MENSCH HEUTE NOCH IST IM RAHMEN DER ENTFESSELTEN TECHNIK? ER IST ZUM NÜTZLICHEN IDIOTEN GEWORDEN! ALS VERBRAUCHER MUSS ER SEIN AUTO AUSFÜHREN GEHEN, MUSS IHM NAHRUNG MIT DEM SCHLAUCH IN DEN SCHLUND STOPFEN UND DAFÜR VIEL BEZAHLEN. ER MUSS SEIN SMARTPHONE STREICHELN, STUNDENLANG MUSS ER AUF DEM ZU KLEINEN BILDSCHIRM IRGENDWELCHE SCHEIßE EINTIPPEN, MUSS SICH MIT DEM BESCHISSENEN SMARTPHONELAUTSPRECHER IRGENDEINE INDUSTRIELLE LÄRMKULISSE ANHÖREN, WEIL ES EIN HIT IST, MUSS URLAUB AUF BALLERMANN MACHEN, MUSS SICH INS KOMA UND ZURÜCK SAUFEN, MUSS RTL UND RTL2 GLOTZEN, BIS DORT ALLE REALITY-SHOWS IHREN KAKERLAKEN-FRESS-WAHNSINN NACH BESCHEUERTEM DREHBUCH AUSGEPRESST HABEN. DAS IST DER MENSCH, EINE MARIONETTE IN DEN KLAUEN „SEINER“ TECHNIK. ER IST EIN ZAHNRÄDCHEN GEWORDEN. Begreifen Sie doch die Formel. Wenn Sie rechnen können, dann werden Sie verstehen, und Sie müssen sich die Anwendung der Formel kumulativ vorstellen, ein iterativer Wahnsinn, dann werden Sie verstehen, dass nur noch der Zufall uns retten kann. Jetzt wurde es still im Saal. – Zufall? fragte ein piepsendes Stimmchen. Jawoll, Zufall! donnerte Tom. Wenn es nicht Zufall ist, und auf den würde ich gar nichts wetten, dann kann es nur eine spirituelle Umkehr sein. Die Welt ist nur als spiritueller Neubeginn in jedem einzelnen Bewusstsein zu retten! – Esoterisches Gesülze! – Du erfüllst alle Kriterien des IRRE-SEINS. – Jawohl, Irresein. Die Logik der Zerstörung muss heute einen Breivik freisprechen, muss ihm Wahnsinn unterstellen, damit der ganz normale Wahnsinn nicht entlarvt wird. Jetzt flogen Pappbecher nach vorne. – Nazi! Rassist! – Bea hatte dem Wirt vorsorglich geraten, keine Gläser zu benutzen, was sich nun wieder einmal als gute Präventionsarbeit erwies. Genau das würde Heinz Neuwerth in seinem Kommentar über den turbulenten Abend im Brooklyns positiv hervorheben. Die kleine Frau klappte ihren Kiefer zu und fühlte eine Leere wie noch nie zuvor.

20.38 Uhr. Tom hatte längst den Faden verloren. Eigentlich war nie einer da, der ihn aus seinem Labyrinth aus kaputten Träumen hätte herausführen können. Längst wünschte er, er hätte sich gar nie auf diese Lesung eingelassen. Und auf einmal erwachte er.

Nein, diesen Weg würde er nicht gehen. Nicht mehr. Nie mehr.


Lundiversum

Mittwoch, 6. Februar 2013

Gebet eines Verrückten

Hallo, hallo, Du dort!
Letztursache alles Seienden!
Ich weiß zwar, Du hörst mir gar nicht zu.
Wie denn auch, Du hast keine Trommelfelle und keinen Auditiven Cortex.
Du antwortest mir nicht. Nie!
Wie denn auch, Du hast keine Stimmbänder und kein Broca-Areal.
Du verstehst nichts und doch irgendwie auch alles.
Ich bin ja letztursächlich betrachtet nichts als Dein Produkt,
Du Letztursache alles Seienden!
Als schön angepasste Struktur an die Kälte Deines Universums
drifte ich so eine Weile durch Raum und Zeit.
Mit Flausen im Kopf, mit Fieberträumen und Wahnvorstellungen.
Aber Du bist gar kein Du, Du bist nur das Unbegreifliche.
Und ich kann über die unbegreifliche Letztursache nur schweigen.
Denn jedes Wort hätte falschen Klang und falschen Bezug.
Darum sag ich nichts mehr zu Dir, der Du kein Du bist.
Lass mich einfach meinen Müllsack raustragen.

Spirituelles

Freitag, 5. Oktober 2012

Identität ist immer eine Story. Was sonst?

Natürlich pochen wir auf unsere Realität!

Wenn mich jemand fragen würde, bist du eine fiktive Gestalt oder ein wirklicher Mensch? so neige ich spontan der zweiten Alternative zu.

Doch was ist ein wirklicher Mensch? Ein wirklicher Mensch ist eine Utopie. Ich kenne keinen wirklichen Menschen. Die Alternative müsste eben lauten: ein wirklich existierender Mensch. Dieses Existieren holt das Menschsein vom Olymp auf den staubigen, Milben bevölkerten Teppich runter. Nichts Utopisches mehr. Aber stattdessen benötigt dieser existierende Mensch einen CV, eine Story.

Blochs tollkühne Abschaffungen (Eigentum, Arbeit, Ehe/Familie sowie Krankheit und Tod (!)), um den wirklichen Menschen herauszudestillieren aus seiner teils selbst gebauten Mausefalle, dieses Prinzip Hoffnung – ja wie fiktiv ist denn das??

Der befreite Mensch, der aufrecht gehende Mensch, der die Gegebenheiten umbildende und überholende (sic!) Mensch. Das ist natürlich Fiktion! Bliebe die Frage, ob das eine gute Fiktion ist.

Aber auch all unsere ehrlichen Selbsteinschätzungen unserer Hier-und-Jetzt-Realität haben notwendig die Qualität einer Erzählung. Man braucht nur einmal einem andern bei der Selbstbeschreibung zuzuhören, um das Konstruktionsprinzip des Selbst zu verstehen. Will man sein eigenes Bewusstsein verstehen und nicht nur seinen Stoffwechsel, so landet man bei Handwerkszeug, das z.B. die Narrative Psychologie benutzt. Nur so konstruieren wir Realität – eben als fortlaufend weitererzählte Geschichte, die aber in ihrem Wesen nicht aus Schriftzeichen, also auch nicht aus Sprache, sondern aus Bildern, Klängen, Gerüchen und Berührungen besteht.

Philosophisches

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Erkenntnis

Eines Tages werden die Menschen verstehen, dass auch die Wirklichkeit nur eine Fiktion ist.

Grenzverletzungen

Dienstag, 13. Dezember 2011

Farewell Samsara*

Das Absolute, das was allem wirklich zugrunde liegt, ist eine Kraft, die man als Weg bezeichnet hat. Der westliche Mensch packt den Rucksack und stürmt auf diesem Weg verbissen von A nach B. Dieser Weg des Absoluten scheint jedoch ähnlich wie Samsara kreisförmig angelegt zu sein. Nichts führt von A nach B, weil es A und B nicht gibt. Jeder einzelne Moment im Leben ist Herausforderung und Versuchung. Das ist alles. Wer aber lieben und loslassen kann, ist dieser Kraft, diesem Weg sehr nahe. Im Loslassen können liegt gar das größte Glück. Das Ende aller Sehnsucht.

Ich danke allen, die mich auf diesem Wegstück hier begleitet haben. Euch allen viel Glück und Kraft!

Los, los, los!
Los jetzt, lass uns tanzen!
Tanze, tanze, zur Gänze nackt -
was hast du zu verlieren?
Die Nacktheit unsrer Jugend
geht viel zu wenig weit:
machst du dich nicht völlig frei
wirst' auf immer befangen sein.

Weg mit der weissen Unterwäsche
den schwarzen, roten Hosen:
los, zieh's aus, zieh Alles aus -
auch den Körper, deinen Geist:
weg damit, lass alles los!
Ja, tanze, tanze, splitternackt
Los jetzt, lass los! Los!


Hisamatsu Shin’ichi (1887–1980)

(Update, 05.01.2012) Wie es hier endet und doch weitergeht:

Ausgetanzt. Nun, Samsara ist extrem mächtig, ein Ausstieg schwer zu bewerkstelligen. Auch Bloggen heißt im Kreislauf dieser Welt bleiben. So virtuell das mal ist. Aber sind wir nicht alle im Grunde ziemlich virtuell? Also. Ich brauche einen Neuanfang. Die Rechnung mit dem Wirt habe ich vor bald drei Jahren eröffnet mit einem naiven Plan, der aus dem Ruder gelaufen ist. Es musste so kommen. Man kann nicht in einem einzigen Blog zugleich die Welt erklären wollen (vor allem wenn man, wie ich, sie gar nicht in genügender Tiefenschärfe abzulichten vermag), zu aktueller Tagespolitik posten (juckte mich fast täglich, konnte es aber fast immer, allerdings mit Schmerzen, unterdrücken), Hirnforschungsliteratur kommentieren (auch wenn ich mir da keinen Stress gemacht habe), literarische Krabbelversuche unternehmen, Spirituelles in den Phänomenen, nicht in den Träumen entdecken und Leuten wie Metzinger und Dennett in die Karten schauen wollen und noch vieles mehr... Das Ergebnis war letztlich ein unübersichtlicher Haufen. Diesen (Mist-)Haufen hab ich ja dann euphemistisch zum Spielplatz befördert, doch war dies nur eine Verzweiflungstat. Also. Ein Neuanfang. Noch nicht heute, aber bald. Man sieht sich, so man will ;-)

* (Update, 11.01.2012) Hier geht's weiter.

* (Update zwo, 23.01.2012) Ich bemerke in meinen Kommentaren, die ich dort und da hinterlasse, (zu) viel spielerische Motivation. Drum spiel ich jetzt doch ein klein wenig mit dem Gedanken, nicht nur leer zu werden, sondern zum Ausgleich sozusagen noch einen kleinen, blödsinnigen Spielplatz zu betreiben... Mal sehen.

* (Update drei, 26.01.2012) Die Würfel sind gefallen. Es gibt ein Leben nach dem Spielplatz. Vom Loslassen zum Los ist's nur ein kleiner Schritt.

Spirituelles

Dienstag, 6. Dezember 2011

Abflug aus der fünften Dimension

Tom stand hadernd vor seinen überquellenden Bücherregalen. Sein Blick fuhr die merkwürdige, heterogene Literaturansammlung entlang und er fragte sich, was ihm diese Lektüre denn bis dato überhaupt gebracht hatte. Ein Problem war sicher das Vergessen. Scheinbar gar nichts Wesentliches konnte er sich merken. War jetzt Descartes eigentlicher Gottesbeweis in seiner zweiten, dritten oder vierten „Meditation“? Und über die Willensfreiheit, mit welcher Nummer hatte er da meditiert? Ganz zu schweigen von den Begründungen für diese Beweise und Behauptungen; die waren so was von weit weg, dass er sich eingestehen musste, Descartes Meditationen nicht mehr zu kennen. Wenn es da oder dort eine Erklärungslücke gab, wovon ja nun einige Chefdenker überzeugt sind, so hatte Tom abgesehen von ein paar gängigen Klischees einfach keinen Plan mehr zu Descartes Werk. Aber wer hat das schon. "Cartesianisches Theater" klingt auch so ganz gscheit und wenn man weiß, dass man dagegen halten muss, gegen dieses Theater, ja dann ist man bei den Guten. Dabei ging es doch um den methodischen Zweifel? Zum Teufel mit dem Skeptizismus.

Aber nun las er gerade David Humes Dialoge über natürliche Religion und so hatte er halt (nur) diese Humschen Sätze zur Hand. Ging ja nicht anders mit diesem Gedächtnis. Zum Beispiel: Wer sagt, dass diese ganze Ordnung in Tieren und Pflanzen letzten Endes aus Planung hervorgeht, setzt voraus, was es zu beweisen gilt. Um dieses gewaltige Problem zu lösen, müsste man a priori zeigen können, dass Ordnung zum einen ihrer Natur nach untrennbar mit dem Denken verbunden ist und zum anderen niemals von selbst oder aufgrund unbekannter Urprinzipien der Materie innewohnen kann. Das ist cool gesagt. So ist das mit dem Planen und Denken als Urgrund. Damit versetzt Hume dem anthropomorphen Schöpfergott den Todesstoß. Und? Was hatte Tom jetzt davon? Immer noch konnte Gott ein Schöpferhuhn sein, das die Welt als kosmisches Ei in die Unendlichkeit verdrahtet hat und woraus sich all der Mist – eben gedanken- und planlos – bis hin zu den Whisky-Destillerien in Glenfiddich fortentwickelt hat. Ohne dass sich das Huhn weiter darum gekümmert hätte. Warum nicht. Und ginge es Tom besser, wenn er zweifelsfrei wüsste, dass Gott neben all dem Schönen auch am laufenden Band Fehler abwickeln liess?

Buchstaben (nötig), Grammatik (schwierig, immer auf Kriegsfuß), Erkenntnisse (was? haha). Hm. Die letztlich spannenden Fragen, wie z.B. Chalmers Zombie-Argument oder Descartes Substanzdualismus – was aufs Gleiche hinausläuft, aber das kann man jetzt auch ganz ruhig überlesen – beruhen doch nur auf logisch-begrifflichen Taschenspielertricks. Ein philosophischer Beweis meiner Existenz oder gar Gottes? Nichts als logischer Trickdiebstahl (Hab ich schon erwähnt, dass ich Logik gar nicht so sehr mag?). In sich logisch ist auch der letzte Unfug (hm, also auch Eva Lund?), auch Steiners Anthroposophie oder Wilbers GEIST-in-Aktion. Wer sich einmal in solche Spinnennetze begibt, braucht vielleicht Jahre, um sich da wieder rauszurappeln und sich dieser klebrig-haftenden Fäden wieder zu entledigen. Naturgesetzlich, empirisch, da sah die Sache doch ganz anders aus. Der Mist bei der Empirie ist dann wiederum deren notwendige Metaphysik, nur schon die logischen Grundregeln und die obskure Satzung, dass alles Seiende physischer Natur sei. Und so beißt sich die Ratte immer wieder in den Schwanz. Wir können Wissen anhäufen und vielleicht ist es auch besser so – denn sonst würden wir uns vielleicht immer noch etwelche Finger abhacken, um die Jagdgötter milder zu stimmen? – aber es führt an kein Ziel. Ja, der ewige Weg als Annäherung ans Unerreichbare muss uns zur Befriedigung herhalten.

Im transzendentalen Raum, im mehrdimensionalen Bewusstsein, meine Damen und Herren!, also in den Werken schöner Esoterik, da ist die Welt hingegen schwer in Ordnung. Die Zahl sieben, zum Beispiel, bedeutet da was und zwar einfach so. Vielleicht wegen einer Quersumme von irgendwas oder einer Polarität zwischen irgendwas. Aber fragen Sie nicht Tom, was die Zahlen bedeuten, fragen Sie Karin E. J. Kolland (Der vollkommen bewusste Gedanke hat Kontrolle über das Schwingungsfeld Elektrizität und Radio.), zum Beispiel. Hat nicht sogar Chalmers propagiert, alles was vorstellbar sei, sei auch möglich? Und was möglich ist, das wird dann irgendwann mal – wirklich? Und deshalb sei der Physikalismus, Naturalismus, Materialismus oder wie auch immer Sie diese eigenartig beschränkte Welt der Empiristen nennen wollen, deshalb sei diese Ansicht eben doch falsch. Das sind Argumente. So hip. Heiliger Descartes. Und wenn das nicht reicht, hilft Marys Zimmer weiter. Aber auch unsere gesellschaftliche Wirklichkeit. Nehmen Sie Geld zum Beispiel! Ist ja nicht unwichtig. In ihrer Funktion als Geld sind die Scheine nichts Physikalisches, sondern ein feinstofflich-ätherisches „gesellschaftliches“ Konstrüktchen im mehrdimensionalen Bewusstsein.

Wir sind also in der fünften Dimension, haben (oder sind?) zwei Substanzen und von hier an steht uns natürlich jegliche weitere Dimension offen! Mit Warp-Antrieb. Denn was vorstellbar ist, das wird dann auch mal. Der vollkommen bewusste Gedanke erzeugt den inneren Klang und bewegt somit die Elektronen, sagt Frau Kolland und nicht nur sie. Es geht nicht darum, wer letztlich Recht hat. Alle haben irgendwie Recht oder keiner hat Recht. Diese Diskussionen drehen sich seit Jahrhunderten im Kreis. Dennett hat Recht, Chalmers hat Recht, Kolland hat Recht (autsch). "Anything goes" natürlich auch in den philosophischen Grundfragen. Das ist letztlich aber auch tröstlich. Denn dann muss ich Quine (formale Logik!) erst gar nicht mehr lesen... Außer, er könnte mir zur reinsten Unterhaltung dienen, was ich ein klein bisschen bezweifle.

Bücher. Auf dem Flohmarkt würde man für das Zeug nicht gerade viel erwirtschaften. Tom fragte sich, ob er Humes Dialoge überhaupt noch zu Ende lesen sollte. Gerade so gut könnte er Belletristik, also zum Beispiel HOHLKÖRPER, Mond über Manhattan oder sogar eines der Taschenbücher aus Walt Disneys lustiger Papierfaltefabrik lesen, wenn er die nicht schon alle gelesen hätte. Nicht, dass das schlechte Literatur wäre, im Gegenteil. Wichtiger aber als das Schicksal seiner Bücher war Tom jetzt der geistige Abflug aus seiner tristen dreidimensionalen Bücherstube.

Nichts Geringeres als die x-dimensionale Wirklichkeit wartete schließlich da draußen. Schönen Feyerabend.

Grenzverletzungen

Montag, 5. Dezember 2011

Am Wendepunkt

Tom schläft den Glenfiddich aus den Gliedern. Was wird er tun, wenn seine Synapsen wieder sauber sind? Vielleicht seinen eitlen Spielplatz etwas aufräumen.

Grenzverletzungen

Freitag, 2. Dezember 2011

Im Nirwana Palace

Tom war sauer. Stinkesauer. Auf Marco Stier, nein was konnte der dafür. Auf die blöde Schulte-Kötter natürlich. Und so schleppte er sich ins Nirwana Palace, ging an den livrierten Dienern/Rausschmeißern schnöde vorbei direkt auf die Bar zu. Psychill wie neulich, sphärisch-unberührend, kaum hörbar. Victor, der Barkeeper, rückte Gläser zurecht. Ein Déjà-vu? Blödsinn. Alle reden immer nur davon, ein Déjà-vu gehabt zu haben.

"Espresso, wie immer?" Wieder waren Victor und Tom alleine. Ich meine, eine Bar eines Fünfsternehotels um 15 Uhr, wer sollte denn da rumhängen? "Nein, gib mir bitte einen..." Toms Blick blieb an einer bernsteinfarbenen Flasche hängen, "einen Glenfiddich." Es war ein 18 Years Ancient Reserve. Lange nicht der teuerste Whisky an dieser exklusiven Bar, aber immerhin. Victor zeigte ein ganz kurzes Zucken der rechten Augenbraue, zapfte ein Glas und stellte es auf die Theke. "Bitte schön. Geht's gut?" Die Frage war doppelbödig, aber den Unterton hätten nur Profis gehört. Tom war kein Profi. "Scheiße geht's mir, ehrlich." Victor wachte aus seinem Halbschlaf auf. "Was war denn, Tom?" lächelnd mit Zähnen. Tom nahm erstmal einen Schluck. "Die Lektorin hat mein Manuskript abgelehnt. So würde ich das umschreiben." – "Ach, diese Trilogie? Wie ist das möglich. Musst du sie überarbeiten?" – "Nein, ganz abgelehnt. Unfug hat sie das genannt. Stell dir vor, die nennt meine Schreibe UNFUG!" – Victors Blick ging kurz rüber zur Rezeption, dann musterte er Tom. Dieser kam sich gerade fürchterlich klein vor. Victor, ein Hüne, wie Fitz-Fletcher, nur nicht blond-locker, sondern schwarz gegeltes Haar, strenger wirkend: "Zeig mal her, deine Schreibe. Hast du sie da?" – "Du willst das Zeug lesen? Wozu soll das gut sein?" – "Ich sag dir dann, ob's was taugt oder ob du's besser verbrennst."

Tom nestelt in seiner Hosentasche rum. "Da, auf dem Smartphone. Musst halt scrollen." – "Du hast das Manuskript auf deinem Eierphon? Das entspricht nicht dem Klischee", grinste Victor und krallte sich das Gerät mit seiner Linken. "Noch so einen Glennfittich, bitte, bevor du da in dem Text verschwindest." – "Sofort, Tom".

Victor las die ganze Trilogie praktisch ohne seine Miene zu verziehen. Erst gegen Schluss musste er einmal loswiehern. "Hmhm, haha, hmhm." Tom leerte seinen zweiten Whisky noch weniger stilsicher als den ersten, doch wärmte er seine geschundene Seele. "Ich-Maschine. Warum kann ich kein gewöhnlicher Zombie sein, verdammt?" flüsterte er vor sich hin, so leise, dass selbst der aufmerksame Victor nichts mitbekam.

"Ja, Tom. Soll ich ehrlich sein?" – "Aber sicher. Gib mir einfach noch so einen Flennbottich." – "Ja, gleich. Hör mal, Tom. Das ist zwar nett, was du da schreibst. Aber irgendwie zu gewöhnlich." – "Danke. Cheers! Gewöhnlich? Also für meine Begriffe ist Fletcher-Baby ziemlich abgefahren. Wie kommst du da drauf. Sag mal, hast du etwa Literatur studiert?" – "Nein, ganz locker Tom. Weißt du, was vor allem fehlt, das ist Sex. Die Leute wollen was Schmutziges lesen, verstehst du? Die Eva Lund die hätte doch das Zeug für ne lockere Nummer zwischendurch. Verstehste?"

So wie Victor Tom beäugte bei seinem "Verstehste?" zweifelte er wirklich ein bisschen, ob dieser das wohl auf die Reihe bringen würde. "Du denkst also, die Schulte-Kötter hätte eigentlich ganz gern mal was Verludertes oder so? Die kam mir gar nicht so rüber, die Tante. Die sagte schon beim ersten Treffen, ich solle mal endlich den Adorno lesen, sonst werde das wohl nix mit der Meta-Ebene im Roman. Die gnadenlose Erfassung der Menschen bis in ihr innerstes Innenleben hinein durch die ganze profitgeile Kulturindustrie oder durch wen auch immer, das müsse die hintergründige, aber lässig vorgetragene Kritik sein. Geht mir doch am Arsch vorbei." – "Dem seine Kritik ist doch locker drin, Tom. Das Innenleben von Fletcher, das lässt sich noch ausbauen als bloße abhängige Variable einer völlig pervertierten Kultur." – "Mann, Victor. Wo hast denn diese Weisheiten her? Vom Drink Mixen bestimmt nicht." – "Zurück zum Wesentlichen, Tom. Sex, Porno. Nur das hat das Zeug zur Rebellion. Das musst du so einbauen, dass es ordentlich GEGEN das System bumst, wenn du verstehst." – "Nonoch so einen Dings, bitte, Victor..."

Lundiversum

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Frau Schulte-Kötter spielt nicht mit

Tom: Wollte mal nachfragen, hab da nichts mehr gehört, seit...
Schulte-Kötter: Ja, dieses Fragment da. Tut mir leid, lieber Herr Ate, wir sind ein seriöser Verlag. Was Sie mir da abgeliefert haben, ist gelinde gesagt Unfug.
Tom: Unfug? Die Trilogie "Dr. Eva Lunds herrlicher Schöpfungsakt" ist das Kernstück meines Rom...
SK: Ja, Unfug. Wir haben vereinbart, dass Sie eine Probe Ihres Romans abliefern. Aber als Lektorin eines seriösen Verlags habe ich Sie auch gewarnt. Dass diese Geschichte in eine absolut realistische Zukunftsvision eingebettet sein muss! Neurotransplantation geht in Ordnung, aber ich habe Sie auf die Fachliteratur hingewiesen, z.B. Marco Stier, Ethische Probleme in der Neuromedizin.
Tom: Aber ich kenn den Scheiß ja. Wo ist das Problem?
SK: Scheiß? Homologe Neurotransplantation wird doch nie und nimmer mit Hirngewebe von erwachsenen Spendern gemacht. Schon Ihre Mrs. M/N ist ein Hirngespinst.
Tom: Weiß ich doch, Frau Doktor Schulte-Kötter. Aber die embryonale Hirngewebsgeschichte gibt nicht so den Knaller ab. Ich will doch was mit Gruselfaktor, verstehen Sie? Spielt doch alles in der Zukunft. Dort ist doch allerhand möglich, denkmöglich, immerhin.
SK: Nun, dann suchen Sie sich den passenden Gruselverlag dazu. Ich schicke Ihnen ihr grausliges Manuskript jedenfalls dankend zurück. Schönen Tach noch.
Tom: Aber... (keine Verbindung mehr. So was, hm)

Lundiversum

Dienstag, 29. November 2011

Und wieder Kaffeesätze

Bea: Was sollte das denn für eine Trilogie sein? Dr. Eva Lunds herrlicher Schöpfungsakt – also ich meine... ging's dir nicht gut Tom?
Tom: Ach, du liest in meinem Blog? Wusste ich gar nicht. Hast du noch einen Erpresso?
Bea: Und dieser Epilog... Ja, klar, hast du mir doch anvertraut, deine Blogadresse. Ist ja eigentlich ganz toll, so deine Gedanken, zum Teil, meine ich.
Tom: Danke, dein Kaffee ist super, hab ich das schon mal gesagt? Was soll mit ihm sein, dem Epilog? Ist von Eva Lund, das erklärt doch alles, meine ich.
Bea: Nun überleg doch mal, wenn das einer liest...
Tom: ...ja, wenn!
Bea:...dann denkt der doch, du bist FÜR diesen ganzen Hirnterror, den du da so beschreibst. Da ist ja gar keine Distanz zu. Sag mal, findest du das gut?
Tom: Bea, mein Blog ist eine Spielwiese, äh -zimmer. Da darf auch mal was gegen die Wand fliegen. Und überhaupt: Transhumanismus ist ein Fakt. Natürlich nicht in dieser Art, humaner noch, halt transhuman, Scheiße. Schau mal auf detrans, da wird das alles irgendwie erklärt. Und ich, ich... muss ja gar nicht alles immer durchleuchten, ich will spielen, verdammt. Nein, was ich sagen wollte...
Bea: ...ist, dass du das eigentlich geil findest, was? Diese Hirnpanscherei? Möchtest du selber so ein kleiner Big...hä? (lacht)
Tom: Immerhin lachst du jetzt. Geil, ja, irgendwie sind wir, weißt du wir sind die letzten, verstehst du nicht. Wir sind die letzte Generation der absolut Sterbenden. Oder die vorletzte, weiß ich nicht. Aber dann, dann können die, die genügend Kleingeld haben, sich ihre abgefuckten Telomere mit Hilfe von molekularer Nanotechnologie wieder verlängern lassen, oder sich gleich ganz tiefkühlen, um noch bessere Zeiten abzuwarten. Ist das nicht irgendwie tragisch?
Bea: Typisch Mann, in die Schöpfung eingreifen zu wollen. Bisher kam dabei nur Unfug heraus. Wird auch so bleiben. Das Leben ist etwas Heiliges.
Tom: Hm, ja, schon. Heilig bleibt es auch, es ändert nur seine Form, seine Möglichkeiten. Es schöpft selber weiter, es evolviert nicht nur, es revolutioniert sich, oder so.
Bea: Und was hätte dein Buddha dazu gesagt? Ich meine, das ist doch kein Nirvana, oder? (lacht)
Tom: Ja, bestimmt, äh, es ist das Gegenteil von Nirvana. Mr. Big ist der brutale Nirvana-Zertreter. Ich weiß auch nicht. Vielleicht ist die Zeit nicht reif für Nirvana?
Bea: Big, Lund und all die schrägen Vögel sind nicht reif dafür. Das ist doch Sache hier. Aber wo stehst du, Tom?
Tom: Nun... ich spiele.

(Transhumanismus propagiert nicht weniger als die mögliche totale Umgestaltung der menschlichen Art, die selbstgesteuerte Evolution. Natürlich gibt es viele Menschen, auf die diese Gedanken unnatürlich und erschreckend wirken. Meist basiert das auf (religiösen) Vorurteilen oder einseitig negativer Erwartungen bezüglich der Folgen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. detrans)

Lundiversum

Sonntag, 27. November 2011

Der Jüngste Tag und die Auferstehung im Fleische

(Fortsetzung von Wo ist Eva Lund? und Einen für Mr. Big und somit Teil der Trilogie: Dr. Eva Lunds herrlicher Schöpfungsakt)

Sieben Monate nach der geheimen Operation an den Gehirnen von Fletcher und Big, wartete Staatsanwalt Dr. Michael H. Morgan immer noch vergeblich und angespannt auf die erlösende Mitteilung, es habe sich wenigstens eine Spur gefunden. Eva Lund blieb seit jener Operation wie vom Erdboden verschluckt. Ein Verbrechen konnte nicht mehr ausgeschlossen werden, aber ein brauchbarer Hinweis musste endlich her.

Detective Jill Johnson sagte: "Vorne, gleich beim Eingang parken." Das Dienstauto kurvte die Auffahrt zur Rehaklinik hoch und hielt wie ihm geheißen gleich vor dem Eingang. "Wir sind da, Detective. Angenehmen Aufenthalt." – Witzbold, dachte Jill, stieg aus und ging ohne Zögern gleich zum Empfang.

Es war ihr zweiter Besuch in dieser Rehaklinik, wo Menschen nach Schlaganfällen und ähnlichen Schicksalsschlägen ganz zuverlässig wieder fit gemacht wurden. Beim ersten Mal waren ihre Bemühungen noch völlig vergeblich gewesen. Fletcher machte damals vor einem halben Jahr gerade die ersten Schritte mit einem Rollator und immer in Begleitung eines Pflegeroboters. Sprechen konnte er nicht. Sein schreckliches Lallen liess eine Befragung einfach ins Leere laufen. Schreiben konnte er schon gar nicht und sein fleißiges Nicken und Kopfschütteln schien Jill damals zwar seltsam, aber reichlich zufallsverunreingt zu sein. Nun wurde ihr mitgeteilt, Fletcher habe erfreuliche Fortschritte beim Sprachtraining gemacht, sei völlig klar bei Bewusstsein und einer Befragung stünde wohl nichts mehr im Wege.

Fletcher stand in hellem Anzug vor einer Parkbank im großen, schön angelegten Garten der Klinik und sprach gerade gestikulierend mit einer Patientin, die starr auf dieser Bank hockte, als gelte es, hier draußen zu überwintern.

"Mr. Fletcher? Mein Name ist Johnson, Jill Johnson. Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?" – Fletcher starrte Jill an, als sei sie gerade mitten in eine wichtige Konferenz hereingeplatzt. "Entschulluldigen Sie, Mrs. Rumsfeld, da wöwill grad was von mir." – "Mr. Fletcher, gehen wir ein Stück zusammen im Park? Dann könnte ich Ihnen einige Fragen stellen. Verstehen Sie, ich bin Detective und arbeite am Fall Lund. Sagt Ihnen der Name etwas: Eva Lund?" – Fletcher ging ganz flotten Schrittes, seine Grobmotorik war unauffällig, sofern Jill das überhaupt beurteilen konnte. "Eva Lund? Hm, komisch, Mrs. wie war nonoch gleich Ihr Dings, äh Name?" – "Johnson." – "Ja, äh, Mrs... und die Dings, äh...hm...?" – "Die Frage, meinen Sie?" – "Ja, ja, gegenau die." – Jill begann zu zweifeln, ob dieser Dialog irgendwas Brauchbares ergeben würde. "Mein Chef, Mr. Morgan pflegt mich wöchentlich mindestens zweimal zu fragen: Nun, Detective Johnson, wie stehen die Aktien? Haben Sie was Neues im Falle Lund? Und ich musste ihn bisher immer enttäuschen. Sie, Mr. Fletcher waren ihr letzter Patient. Kurz nach ihrer Operation ist Dr. Lund spurlos verschwunden. Vielleicht können Sie mir mit irgendeiner Information weiter helfen. Irgend etwas das wir bis jetzt übersehen haben?"

Fletcher blieb stehen, ruderte ein wenig mit den Armen, schaute diese an, schaute Jill an, schien plötzlich an Körpergröße zuzunehmen, obwohl das ja gar nicht möglich war. Er richtete sich vielmehr auf, wie sich noch kein Mensch je zuvor aufgerichtet hatte. "Aaaktien, ja, genau, davon verversteh ich... das ist mein Ding, äh, verstehen Sie, Mrs.? Ich, ich bin..." – Seine Stimme schwoll an; unglaublich aber Fletcher richtete sich noch mehr auf, er der Zwei-Meter-Mann schien alles zu überragen. "Ich bin gagar nicht Fletcher. Zum Teufel mimimit ihm! Ich bin Big, Brei.. BRIAN BIG!! – Ich bin UNSTERBLICH!!!"

Jill verstand überhaupt nicht, was da vor sich ging, aber dass es etwas vollkommen Ungeheuerliches war, daran zweifelte sie nun nicht. Sie musste, wie zu ihrer Beruhigung an einen uralten Film aus dem letzten Jahrhundert denken. So wie ein überdimensionaler Klaus Kinski als verrückter Fitzcarraldo, in seinem Moment des Triumphs auf seinem Schiff stehend, grinsend und an der zu langen Zigarre ziehend, so blickte Fletcher lachend, ja herausfordernd lachend um sich. Nur dass diese Zigarre fehlte. Plötzlich blickte sie zurück zu Mrs. Rumsfeld, sie erbrach gerade das schonend gegarte Mittagessen und ein Pflegeroboter eilte sofort zu ihr, um nach dem Rechten zu sehen.

"Dr. Bower, nach meinen Unterlagen war ein gewisser Mr. Brian S. Big, ein alter, schwer kranker Milliardär ausgerechnet der zweitletzte Patient von Dr. Lund, bevor sie verschwand. Wie erklären Sie sich denn, dass Mr. Fletcher nun meint, er sei Mr. Big und womöglich eben gerade genau dieser Brian S. Big? Können Sie mir da mal bitte auf die Sprünge helfen?"

Johnson war mächtig in Fahrt als sie dem Chefarzt der Rehaklinik diese Frage stellte. Dieser ließ sich kaum anmerken, was er von der Sache hielt und ob er die Brisanz der Frage überhaupt erfasste. "Nun, wie Sie wissen, Detective, Dr. Lund war, nein, also sie ist immer noch, eine international anerkannte Kapazität im Bereich der Neurochirurgie und im Speziellen ist sie das auch in der homologen Neurotransplantation. Hm, vielleicht hat es… bedauerlicherweise aber so etwas wie eine Verwechslung von Hirngewebe gegeben? So dass ein Teil der Persönlichkeit dieses Mr. Big nun bei Mr. Fletcher auftaucht? Wollen Sie diese Möglichkeit andeuten, Detective? Sie haben doch Zugang zu allen Daten der Klinik. Sie werden das sicher herausfinden. Unsere Aufgabe wird es sein, Mr. Fletcher in seiner bisherigen Identität als einfachen Facility-Manager eines Kleinbetriebs mit geringem Monatsgehalt zu stabilisieren und glauben Sie mir, in diesem Bereich bin ICH eine Kapazität."

Jill: "Türe öffnen, zurück nach London." Sie stieg ein, machte es sich bequem und dachte an Fitzcarraldo, dieses Schlitzohr. Nur Eva Lund war nicht Claudia Cardinale, da hörte die dürftige Analogie auf. "London, geht klar, Detective, angenehme Fahrt." Jill Johnson hatte die heiß begehrte Spur gefunden. Auch dieser bizarre Fall wird lösbar sein, dachte sie befriedigt. Zugleich war sie aber ziemlich irritiert, denn ihr war längst klar, dass sie soeben Zeugin einer veritablen Auferstehung im Fleische eines anderen geworden war.

(Epilogisches: Der technische und medizinische Fortschritt ist auch dank der neuen politischen Klarheit im Lande nicht mehr aufzuhalten. Vorbei sind die Zeiten endlosen moralischen Gezänks, die zum Stillstand, zur Dekadenz geführt haben. Sollte ich zweifeln, an dem was ich getan habe? Fletcher "lebt" doch, ich habe nur sein naives Bewusstsein, und das erst noch mit seinem Einverständnis!, ausgeschaltet, um einem gewaltigen Projekt den Weg zu ebnen. Ich sehe nichts, was ich zu bereuen hätte. Eva Lund)

Lundiversum

Dienstag, 22. November 2011

Hinter den Erscheinungen

Von der furchtbaren Ungewißheit der Erscheinungen
(Walt Whitman 31. Mai 1819 - 26. März 1892 - Leaves of Grass)

Der schreckliche Zweifel an den Erscheinungen!

Die Ungewißheit, ob wir, trotz allem, vielleicht doch getäuscht werden,

Ob Zuversicht und Hoffnung schließlich nichts als Vermutungen sind,

Daß die persönliche Fortdauer jenseits des Grabes vielleicht nur ein schönes Märchen,

Die Dinge, die ich wahrnehme, Tiere, Pflanzen, Menschen, Berge, flimmernde und fließende Gewässer,

Der Himmel am Tage und in der Nacht, Farben, Festigkeit, Formen, vielleicht nur Erscheinungen sind (was zweifelsohne der Fall), daß das wirkliche Etwas noch zu entdecken ist? ...


Whitman gibt die Antwort im Gedicht: Der, der meine Hand hält, hat mich vollkommen zufrieden gemacht. Demnach ist es der Moment tiefer Verbundenheit mit einem Du, der die Fragen zu besänftigen vermag.

Spirituelles

Freitag, 18. November 2011

Wo ist Eva Lund?

(Fortsetzung von Einen für Mr. Big)

Lund schreckte auf, die Alarmanlage piepste diskret aber beharrlich, gleich würde der Sicherheitsdienst hereinstürmen. Sie warf mit einer schnellen Handbewegung ihre halb langen grau melierten lockenfreien Blondhaare aus dem Gesicht. Dann sah sie wie durch einen dünnen Schleier den Grund des Malheurs. Die Scherben. Sie musste wieder eingenickt und das fast leere Whisky-Glas aus ihrer Hand zu Boden gerauscht sein. Ihr Schädel brummte. Nach der siebenstündigen Operation hatte sie versucht zu schlafen, war aber bald schon wieder wach und unruhig und versuchte sich nun auf die kommenden Termine vorzubereiten.

Eva Lund musste daran denken, dass die beiden Operationsroboter, die Fletchers und Bigs Hirne in Rekordtempo zu einem einzigen neuen Hirn in Fletchers Körper zusammensetzten, nun einfach ihre wohlverdiente Pause hatten. Keine mühsamen Besprechungen und schon gar keine Zweifel. Bei der spezifischen Programmierung neuer Operationsschritte bei Henri, dem neueren Modell des Skalpell führenden Duos, hatte dieser zum ersten Mal mit einer Widerrede geantwortet. Er hatte ein alternatives Vorgehen vorgeschlagen und Lund musste zugeben, dass auch dieser henrimäßige Arbeitsschritt durchaus gangbar gewesen wäre. Sie war ein wenig irritiert gewesen und hatte Henri einen mehrdeutigen Blick zugeworfen.

Nun schaute sie auf den Monitor, der ihr alle Informationen aus der Intensivstation direkt in ihr Arbeitszimmer lieferte. Fletscher-Big war noch nicht bei Bewusstsein. Ha, Bewusstsein! Ein Stammhirnbewusstsein würde dies zunächst bloß sein. Big hatte sich lustig gemacht über den Deppen Fletcher, der seine Haut fröhlich zu Markte trug, aber Eva Lund merkte, dass auch Big nicht wirklich begriffen hatte, was da nun auf „ihn“ zukam. Sein Bewusstsein, sein „Selbst“, wie man früher zu sagen pflegte, in 27 Teile zerfetzt. Die Module übergreifenden Axone mussten ja erst wieder nachwachsen. Zusammenwachsen, was jetzt funktional brutal getrennt war. „Mr. Big, dies wird Monate dauern. Am Anfang sind Sie ein hilfloses Baby, das weder sprechen noch laufen kann, das hilflos in die Windeln pinkelt.“ Big machte eine säuerliche Miene und meinte: „Sie werden mich schon durchfüttern, bis ich wieder laufen kann. Sagen Sie mir nur, ob ich dann wieder ich bin.“

Hill sah sich in der karg und leer wirkenden Empfangshalle der Dream Klinik um, sein Blick blieb an einem schon etwas älteren Herrn in grauem Anzug kleben, der gerade mit dem Rezeptionsandroiden sprach. Das musste Mr. Horn sein, der Staatssekretär aus der Hauptstadt. Das Gesundheitsministerium bestand auf einer minutiösen Überprüfung dieses delikaten Falls. Horn sollte sich also gegen 15 Uhr mit Dr. Hill, dem Leibarzt des offiziell nun verstorbenen Mr. Big und Dr. Lund, der Chefärztin des Bereichs Neurochirurgie, zu einem „Informationsaustausch“ treffen. Hill sah diesem Treffen mit gemischten Gefühlen entgegen. Das Einzigartige, das Historische am Ganzen schmeichelte ihm, obwohl er im Grunde nur eine lächerliche Nebenfigur war, aber das Ungewisse im Ausgang dieses Abenteuers verursachte ihm auch einen leichten Brechreiz, als wäre er direkt verantwortlich.

Hätte er als Leibarzt seinem Klienten nicht besser zum natürlichen Tode raten sollen? Was für ein merkwürdiger Gedanke. Aber im Extremfall war der Tod schon heute zu besiegen. Es war sicher nur eine Übergangsphase des transhumanistischen Zeitalters, eine nicht gerade geschmackvolle, aber eine für solvente Kunden durchaus gangbare, bis die Telomerase-Enzymtherapie endlich den erhofften Durchbruch erzielen würde. „Mr. Horn? Mein Name ist Hill, ich bin...“ – „Ich weiß, Mr. Hill, lassen Sie uns keine Zeit verlieren. Dr. Lund erwartet uns bereits.“

Der Pflegeroboter Diana gab seiner Freude mit einem kleinen Hüpfer Ausdruck. Das Baby wachte auf. Die Messwerte, vor allem die Hirnströme, zeigten es zweifelsfrei und es öffnete sogar seine Augen.

Baby blinzelte. Grelle Welt. Die Augen schmerzten beim Wahrnehmen des gedämpften Lichts im Intensivraum. Baby hörte Geräusche. Viel zu lautes Klacken, Scheppern. Bewegen wollte es sich, ging aber nicht. Da war ein Unwohlsein. Das war’s, das Babybewusstsein.

Die Tür ging auf und herein stürmten gleich sieben neugierige Pflegeroboter. Natürlich wollten alle das aufgewachte Baby sehen. Zuletzt kam noch der einzige Mensch in den Raum, der auf der Station Dienst tat, Pflegedienstleiterin Winter. „Mrs. Winter, unser Baby ist aufgewacht, es scheint recht vital zu sein.“ – „Okay, Diana, gute Arbeit. Lass mich mal sehen.“ – Winter beugte sich über Fletcher-Big und sagte ganz langsam: „Mr. Fletcher, Mr. Big, die Operation ist geglückt, alles ist gut gegangen.“

Das Baby war zur Sicherheit mit schweren Gurten fünffach fixiert, wie ein durchgeknallter Psychiatriepatient. Man konnte nicht sicher sein, wie es reagieren würde, wenn es „zu sich“ kam. Schließlich war das Baby ein ausgewachsener starker, junger Mann, einer der einmal in Rage geraten, schnell für ziemlich viel Ärger hätte sorgen können.

Mrs. Winter erwartete keine Antwort von Fletcher-Big-Baby. Sie war darauf vorbereitet, dass es gar nicht sprechen, ja, dass es ihre Worte gar nicht verstehen konnte. Nun, ein Baby braucht seine Entwicklungszeit. Das wird schon. Und man war sich einig, dass es von Anfang an mit sinnvoller Sprache stimuliert werden sollte. Ein perfekter Pflege- und Therapieplan, der dutzende von spezialisierten Robotern und einigen Fachmenschen erforderte, war unter Führung von niemand geringerem als Chefärztin Dr. Lund fixfertig ausgearbeitet worden.

Horn und Hill steuerten auf Lunds Arbeitszimmer zu. Die Sekretärin, Mrs. Smith, empfing die beiden Herren mit wirrem Blick. Sie schien ganz aufgelöst zu sein. „Dr. Lund ist nicht da. Ich weiß überhaupt nicht, wo sie steckt.“

Den langen Flur der Intensivstation entlang watschelte ein Pflegeroboter. Ein langgezogener, fürchterlicher Schrei hallte durch die wenig belegte Station.

(Fortsetzung hier)

Lundiversum

Montag, 14. November 2011

Einen für Mr. Big

(Prologisches: Mr. Big musste hier ganz zwangsläufig entstehen in diesem Wust von schrägen Ideen, Analysen und Geschichten. Ob er „draußen“ auch auftauchen wird? Und wahrscheinlich gibt es schon ganz ähnliche Geschichten. Egal, ich kenne sie jedenfalls nicht und drum gibt's nun Mr. Big.)

Mr. Big ließ seinen Blick zur Projektion der aktuellen Aktienkurse an der Wand seines Arbeitszimmers driften und dachte daran, einige letzte Transaktionen vorzunehmen. Seine Krankenschwester hatte ihm gerade die Medikamente verabreicht. Morgen schon würde seine große Reise stattfinden. Niemand würde ihm nachtrauern, wenn er sterben würde, das wusste Mr. Big. Am allerwenigsten seine Erben, die sich jetzt schon um die Verteilung seines beträchtlichen Vermögens stritten. Aber er hatte sich entschlossen, noch lange nicht zu sterben, oder vielmehr nur teilweise. Nur Wenige waren in seinen ehrgeizigen Plan eingeweiht.

Wir schreiben das Jahr 2047. Big war 76 und litt schon seit Jahren an einem bereits metastasierenden Bauchspeicheldrüsenkrebs. Nun hatte ihm sein Leibarzt, Dr. Hill, eröffnet, dass alle Behandlungsmöglichkeiten definitiv ausgeschöpft waren und er höchstens noch vier Monate haben werde.

„27 Stücke sollen es werden? Warum nicht alles auf einmal. Hill, sagen sie mir nicht, die Lund könne nicht den ganzen Kortex aufs Mal wegschneiden. Und warum eine ungerade Zahl, zum Teufel, das Hirn hat zwei Hälften, es muss eine gerade Zahl sein!“ – „Mr. Big, Frau Dr. Lund hat viele Jahre Forschung in genau dieses Projekt gesteckt. Es wird so sein müssen. Die Stücke sind, so viel ich weiß, notwendig, um die neuen Blutbahnen zu erhalten. Sie wollen doch frische Blutbahnen für ihre graue Zellen, oder nicht? Die ungerade Zahl rührt daher, dass links frontopolar ein wesentliches Systemteil ihres bewusstseinsfähigen Kortex liegt, dem rechts frontopolar anscheinend nichts entspricht. Lund nimmt nur die unmittelbar bewusstseinsfähigen Kortexanteile.“ – „Hm“ – Mr. Big zweifelte nicht wirklich, ob das reichen würde. Alles andere als jetzt einfach zu verrecken, ist besser, dachte er. Und ich kann es mir kaufen!

Die Dream Klinik war schon seit Jahren für innovative Hirnoperationen bekannt. Patienten mit verschiedenen Hirnerkrankungen konnten mittels Hirngewebstransplantationen und Stammzellenbehandlungen erfolgreich behandelt werden. Vor zwölf Jahren ereignete sich bei einer mittlerweile in neuropsychologischen Kreisen berühmten Patientin etwas Spektakuläres, womit die Ärzte der Klinik jedoch insgeheim schon gerechnet hatten. Ja, sie hatten gehofft, dass es sich früher oder später ereignen würde. Mrs. M. hatte einen Hirntumor Stadium III, ein so genanntes anaplastisches Astrozytom, links frontobasal bis frontomedial. Um den Tumor sicher zu entfernen, musste ein Stück präfrontaler Hirnrinde und vor allem subkortikales Gewebe mit dem Tumor beseitigt werden. Wäre es dabei geblieben, nebst Chemo- und Strahlentherapie – und das war die Praxis noch in den Zehner- und Anfang der Zwanzigerjahre – hätte Mrs. M. zwar eine Überlebenschance von ca. 30 bis 40% nach 5 Jahren gehabt, aber ihre Persönlichkeit hätte sich sehr wahrscheinlich schlagartig dramatisch und unvorteilhaft verändert. Sie hätte ein wesentliches Steuerungselement verloren, wäre unberechenbar, impulsiv, emotional instabil und amoralisch geworden. Nun in der Dream Klinik hatte man inzwischen Routine mit Hirngewebstransplantationen. Spenderhirne waren eine gefragte Ware geworden. Mrs. M. bekam präfrontale Hirnrinde der verstorbenen Mrs. N. verabreicht zusammen mit Wachstumsfaktoren zur Regeneration der Nervenfasern. Nach ihrer Genesung stellte man klinisch und anhand verschiedener Persönlichkeitstests fest, dass Mrs. M. nun ihre Persönlichkeit mit der verstorbenen Mrs. N. teilen musste. Mrs. M. sagte dazu nur: „Ich habe mich verändert. Vor der Operation war ich zielstrebig und ehrgeizig. Nun entdecke ich das Spielerische im Leben. Das ist schön.“ Mrs. M/N hatte durchaus ihre Biografie, das so genannte autobiografische Gedächtnis von Mrs. M, behalten, aber in der Verhaltenssteuerung kamen immer deutlicher die Muster von Mrs. N zum Vorschein.

Chefarzt Dr. Lund war sich damals des Potenzials dieses Falls sofort bewusst. Und heute, zwölf Jahre später, sollte endlich der große Tag kommen, an dem die Früchte ihrer Forschungen reifen würden. Vom Spenderhirn zum Spenderkörper. Der Traum wurde wahr.

Mr. Fletcher war der Auserwählte. Er war 32 Jahre jung und kerngesund, aber mausarm. Als er vor mehr als einem Jahr zufällig von der diskreten Suche nach geeigneten Personen erfuhr, fand er die Idee spontan attraktiv. Er machte sich keine Gedanken, wie er sein würde, ob er noch sein würde. Er würde danach steinreich sein, das reichte ihm zur Bewältigung aufkeimender Skepsis. Mr. Big hatte schon gar keine Skrupel. Er sagte sich: Fletcher, dieser Dummkopf, hat freiwillig unterschrieben. Jetzt ist er dran. 32 Jahre sind genug für einen Schwachkopf wie Fletcher. Aber seinen schönen Körper werde ich in Ehren halten.

Juristisch war alles wasserdicht. Die Ethikkommission stimmte nach anfänglichen Bedenken dem Experiment zu, wie sie es immer tat in den Jahren der Notstandsregierung. Lund hatte einflussreiche Freunde, im Gesundheitsministerium, in Forscherkreisen und auch in der Ethikkommission. Als Bedingung wurde lediglich ausgehandelt, dass diese Operation medial nicht publik gemacht werden dürfe. Insofern konnten auch keine Fachzeitschriften darüber berichten. Eva Lund bedauerte dies und sie überlegte hin und her, wann sie denn diesen Teil der Vereinbarung brechen würde. Denn dass sie es tun würde, war gar keine Frage. Und die Ethikkommission konnte dann nur noch auf bereits vollendete Tatsachen hinweisen. Alles wäre gut und Lund würde in die Medizingeschichte eingehen als die wahre Dr. Frankenstein. Sie genoss den Gedanken, dass sie als Frau, die eh schon auf natürlichem Wege Leben geschenkt hatte, nun ein vergleichbares Wunder unter ihren Händen auf dem OP-Tisch bald würde vollbringen können.

Eine neue Ära der Menschheit begann.

(Fortsetzung hier)

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